Grid Parity ist nur ein Wort...

Wenn es um Photovoltaik geht, redet alle Welt von "Grid Parity", also dem "Gleichstand" der Kosten für Strom, der mittels PV-Anlage erzeugt wurde und dem Preis für normalen Netz-Strom. Alle Experten erwarten einen starken Anstieg der solar erzeugten Strommenge, wenn die Grid Parity erstmal erreicht - oder besser noch unterboten ist.
Klingt logisch. Klingt gut. Vor allem wenn man auf die Energiewende und einen steigenden Anteil erneuerbarer Energien hofft.
Aber: Wie berechnet sich nun die Grid Parity genau?
Vor oder nach Steuern? Im Vergleich zum Strom-Durchschnittspreis oder meinem individuellen Strompreis? Inkl. umgelegter Grundgebühr für meinen Netzstrom ? Usw. usf...

Was liegt also näher, als den Taschenrechner zu zücken oder die Tabellenkalkulation anzuwerfen und einige Szenarien durchzurechnen?
Die Werte die sich hierbei ergeben, sind jeweils auf 1kW installierte Leistung bezogen - inkl. Inverter, Kabel und Installation.
Weiterhin gehe ich davon aus, dass

  • die Panele 25 Jahre lang Strom produzieren
  • in dieser Zeit ein jährlicher, gleichbleibender Leistungsabfall zu verzeichnen ist
  • jährliche Nebenkosten in Form von Versicherung und Panelreinigung anfallen
  • in den 25 Jahren ein- bis zweimal ein neuer Inverter gebraucht wird
  • sich die durchschnittliche Einstrahlung der Sonne im beobachteten Zeitraum nicht ändert
  • die prozentualen Verluste der Anlage (Inverter, Kabel etc.) gleich bleiben
  • der durchschnittliche Strompreis in Deutschland derzeit 22 Ct pro kWh beträgt und zukünftig ansteigen wird
  • Kapitalkosten werden nicht berücksichtigt
Aus den genannten Faktoren ergeben sich nahezu unendlich viele Variationsmöglichkeiten zur Berechnung der Stromgestehungskosten durch eine PV-Anlage. Im Anschluß habe ich drei Szenarien dargestellt, die ich als "Pessimistisch", "Real" und "Optimistisch" bezeichne.
Ich gebe meine Annahmen zu den jeweiligen Szenarien an, so dass Sie selbst urteilen können, ob Sie mit diesen Annahmen einverstanden sind.

Szenario 1: Pessimistisch

Annahmen:
  • 3000 EUR Installationskosten pro kWp
  • 0,8% Leistungsabfall der Panele pro Jahr
  • Innerhalb 25 Jahren muss der Inverter 2 mal getauscht werden
  • 1 kWp erzeugt 800 kWh pro Jahr
  • Es entstehen jährliche Nebenkosten von 65 EUR pro installiertem kW
  • Die Verluste der Anlage summieren sich auf 20%
Ergebnis: Die erzeugte kWh kostet 34,66 Ct.

Szenario 2: Realistisch

Annahmen:
  • 2600 EUR Installationskosten pro kWp
  • 0,4% Leistungsabfall der Panele pro Jahr
  • Innerhalb 25 Jahren muss der Inverter einmal getauscht werden
  • 1 kWp erzeugt 900 kWh pro Jahr
  • Es entstehen jährliche Nebenkosten von 50 EUR pro installiertem kW
  • Die Verluste der Anlage summieren sich auf 15%
Ergebnis: Die erzeugte kWh kostet 21,96 Ct.

Szenario 3: Optimistisch

Annahmen:
  • 2200 EUR Installationskosten pro kWp
  • 0,2% Leistungsabfall der Panele pro Jahr
  • Innerhalb 25 Jahren muss der Inverter nicht getauscht werden
  • 1 kWp erzeugt 1000 kWh pro Jahr
  • Es entstehen jährliche Nebenkosten von 40 EUR pro installiertem kW
  • Die Verluste der Anlage summieren sich auf 10%
Ergebnis: Die erzeugte kWh kostet 14,20 Ct.

Wenn man diesen Werten jetzt noch eine Strompreissteigerung von 0, 2, 4 oder 6% über die nächsten 20 Jahre überlagert, ergibt sich der unten gezeigte Graph:
Die roten Linien stellen die möglichen Strompreisentwicklungen dar, die andersfarbigen Linien zeigen die durchschnittlichen Stromgestehungskosten pro kWh je nach angenommenem Szenario.
Graph Strompreise

Oha! Wenn die Berechnung stimmt, gibt es offensichtlich schon eine Menge Leute in Deutschland, die die Grid Parity derzeit locker unterbieten...
Abhängig davon, wie und wo man seine PV-Anlage aufgebaut hat.

Wenn man das alles aus der Warte des Betreibers einer PV-Anlage sieht, der seinen Strom möglichst lange möglichst teuer an seinen Netzbetreiber verkaufen möchte, dann ist die Betrachtung hier zu Ende.
Bezieht man jedoch die Entwicklung der Bundesrepublik in Hinblick auf die zukünftige Energieversorgung mit ein, dann geht die Betrachtung erst richtig los.
Die Förderung der Energieerzeugung aus erneuerbaren Quellen war und ist ein wichtiger erster Schritt auf dem Weg hin zu einer nachhaltigen Energiewirtschaft.
Wie die oben dargelegten Zahlen eindrucksvoll zeigen, sind die Stromgestehungskosten durch PV-Anlagen auf bestem Wege voll wettbewerbsfähig zu werden. Betrachtet man den stetigen technologischen Fortschritt und den Preisverfall auf diesem Sektor, dann wird es nicht mehr lange dauern, bis PV-Systeme die Bezugskosten von Netzstrom deutlich unterschreiten werden.
Was jetzt fehlt ist der logische nächste Schritt: Die nachhaltige Förderung von Speichersystemen für die regnerativ erzeugte Energie.
Die Gegner der Photovoltaik führen immer wieder ins Feld, dass der Sonnenstrom nur vorhanden ist, wenn die Sonne auch scheint. Dieser Einwand ist leider richtig. Daher fehlt bei den oben berechneten Stromgestehungskosten m.E. der Teil der Kosten für Speicherung und Bereitstellung.

Aber warum sollte es nicht möglich sein, diesen Bereich ebenso zu fördern wie zuvor die Entwicklung der Photovoltaik selbst?
Der Graph unten zeigt wieder für die 3 Szenarien "Pessimistisch", "Realistisch" und "Optimistisch" die Preise für eine kWh. Es wurden lediglich folgende Annahmen ergänzt:

Szenario 1: "Pessimistisch"

  • Zusätzliche Investition für Netzmanagement: 600 EUR pro kWp
  • Während 25 Jahren werden insgesamt 3 Speicherakkus für insgesamt 900 EUR benötigt
  • Die Verluste der Anlage steigen von 20% auf 25% (Verluste im Akku)
  • Alle anderen Annahmnen sind unverändert
Ergebnis: Die erzeugte kWh kostet 44,09 Ct.

Szenario 2: "Realistisch"

  • Zusätzliche Investition für Netzmanagement: 600 EUR pro kWp
  • Während 25 Jahren werden insgesamt 2 Speicherakkus für insgesamt 600 EUR benötigt
  • Die Verluste der Anlage steigen von 15% auf 20% (Verluste im Akku)
  • Alle anderen Annahmnen sind unverändert
Ergebnis: Die erzeugte kWh kostet 28,68 Ct.

Szenario 3: "Optimistisch"

  • Zusätzliche Investition für Netzmanagement: 600 EUR pro kWp
  • Während 25 Jahren wird 1 Speicherakku für insgesamt 300 EUR benötigt
  • Die Verluste der Anlage steigen von 10% auf 15% (Verluste im Akku)
  • Alle anderen Annahmnen sind unverändert
Ergebnis: Die erzeugte kWh kostet 19,21 Ct.

Graph Strompreise

Erstaunlicherweise ergibt sich auch hier unter optimistischen Vorraussetzungen ein Preis pro kWh, der - wenn auch nur knapp - unter dem derzeitigen durchschnittlichen Netzpreis liegt.
Variiert man den Preis für die Stromspeicherung solange, bis man bei diesem Szenario genau den Durchschnittspreis von 22 Ct pro kWh trifft, ergeben sich zulässige Kosten für die Stromspeicherung von 900 EUR pro kWh. Also exakt dieselben, wie unter Szenario 1.
Ich gebe zu, die Annahmen die ich bei der Stromspeicherung zugrunde gelegt habe, sind mit "dem breiten Daumen" gemacht. Ich bin jederzeit offen für ergänzende Informationen, mit denen ich mein Modell verbessern kann.

Diese Ergebnisse zeigen m.E. deutlich, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien - gleich ob Biogas, Wind, PV etc. - der richtige Weg ist. Auch wenn diese Förderung an manchen Stellen nicht optimal ist und glegentlich sogar ausgenutzt wurde und wird.
Wichtig wäre derzeit ein Schwenk hin zu einer verstärkten Förderung der Energiespeicherung in der Hoffnung, dass auch auf diesem Gebiet so beeindruckende Fortschritte wie auf dem Gebiet der PV-Panele realisiert werden können, die die zukünftigen Stromgestehungskosten weiter senken.

Alle diese Modellrechnungen zeigen aber auch, dass es DIE Grid Parity nicht gibt. Es gibt Szenarien unter denen sich die Erzeugung von Energie aus regenerativen Quellen lohnt und solche Szenarien unter denen sich genau dies nicht lohnt. Im Hinblick auf die Nachhaltigkeit der zukünftigen Energieversorgung, hoffe ich, ersteres wird weiterhin und in zunehmendem Masse der Fall sein.

*Energie im Haushalt
*Grid Parity